In direkter Nachbarschaft zum Radduscher Naturhafen gilt es, einen Ort zu finden, der sich für die Installation einer 225m breiten und 146m hohen Augmented Reality Pyramide eignet. Ein negatives Monument, das für die gesamte Menge verbrannter Braunkohle seit Beginn der Tagebaugeschichte steht.

Die Frage, warum der Geschichte des Braunkohleabbaus in Raddusch ausgerechnet ein Denkmal in Form einer Pyramide gesetzt werden soll, lässt sich in dreifacher Weise beantworten. Ein erster Grund ist der lokale Bezug zur altägyptischen Baukultur, den die Region um Cottbus seit der Orient-Begeisterung des berühmten Fürsten Pückler unterhält. Er entdeckte im Rahmen seiner Ägyptenreise im Jahre 1837 die Pyramidenform für sich und beschloss, ein entsprechendes Bauwerk in Auftrag zu geben. In seinem Garten erbaut (heute ist hier der Fürst-Pückler-Park Branitz angelegt), wurde das Monument nicht nur letzte Ruhestätte des Fürsten und seiner Frau, sondern auch zum Wahrzeichen der Stadt. Einen zweiten Aspekt stellt meine fortlaufende Beschäftigung mit architekturtheoretischen und archäologischen Fragen dar, welche meine künstlerischen Arbeiten begleitet. Im Jahr 2000 fing ich an nach Definitionen für Architektur zu suchen. Damals grub ich im Rahmen der Arbeit „Sleeping Policeman and Hole“ eine Vertiefung auf dem Gebiet des US-Militärflughafens in Heidelberg und häufte die Erde zu einem Hügel an (siehe Arbeitsproben). Inspiriert war die Idee von den Nestbauarbeiten der Ameisenfamilie Atta Vollenweideri (Blattschneiderameise aus Chaco, Argentinien). Beim Graben unterirdischer Tunnel sammeln die Ameisen Erde an, die sie überirdisch zum Bau einer pyramidalen Form verwenden. Das Volumen dieser geschichteten Erde entspricht also dem negativen Volumen der ausgegrabenen Tunnel. Architektur lässt sich somit immer als Dialektik von Graben und Anhäufen/Bauen beschreiben. Daraus leitet sich der dritte Ansatzpunkt ab, denn typische Grafiken, die der visuellen Veranschaulichung des Tagebauprozesses dienen, arbeiten mit pyramidalen Formen und zeigen, dass die Gewinnung von Kohle mit der Arbeit der Ameisen vergleichbar ist: Der Gewinnung von Kohle entspricht immer ein unterirdischer Abtrag von Material.

Grafische Darstellungen dieses Prozesses zeigen eine invertierte Pyramidenform, an deren tiefster Stelle die Braunkohle liegt. Von hier aus wird der Brennstoff an die Oberfläche befördert, wo er sich – metaphorisch gesprochen – an die Spitze einer neuen pyramidalen Hierarchie setzt: Denn all unsere Industrie, unsere Fortbewegung und unsere Lebensstandards hängen ab von der Energie, die sich aus dem Rohstoff gewinnen lässt. Diese bildet somit den Kulminationspunkt, in dem sich das gesamte globale Interesse bündelt.

Die beigefügte Skizze zeigt beispielhaft, wie sich ein solches Organigramm ausgestaltet: Jede einzelne Stufe des Organigramms nimmt an einem Prozess teil, an dessen Spitze das Ziel der Energiegewinnung steht und von hier auf alle Ebenen ausstrahlt. Es entsteht eine komplexe Informationsarchitektur, welche der in modernen Gesellschaften gegebenen Notwendigkeit entspricht, gezielte Beziehungen zwischen Daten aufzustellen. Daher eröffnet gerade die verworrene Gemengelage innerhalb der Braunkohlfrage einen geeigneten Ausgangspunkt, um mit Hilfe des Organigramms über Definitionen und Interaktion von Raum und Landschaft nachzudenken.

Die Pyramide ist ein Phantom der jüngsten Geschichte, dabei so massiv wie ephemer. Gerade dieser Typus des Geisterdenkmals, der hier geschaffen wird, kann zu einer adäquaten Memorialform im digitalen Zeitalter werden. Zurückkommend auf die Eingangsthese, zeichnet er die Sinnbeziehungen der Einzelparteien nach und kann einen eigenständigen Bezug zur Landschaft erarbeiten. Der Film fungiert als Werkzeug der Analyse, denn er stellt die Mittel bereit, um eine zeitaktuelle Momentaufnahme unterschiedlicher Definitionen von Raum zu erstellen.